Die Hawker-Kultur

Ein Blick in Singapurs „Esszimmer“

Land: Singapur

Die Hawker-Kultur
Titelbild: © National Environment Agency
Man kommt bei einem Besuch in der Löwenstadt kaum um sie herum, kennt sie dazu noch aus großen Hollywoodproduktionen wie „Crazy Rich Asians“ und kann sie durchaus als Sinnbild der multikulturellen Gesellschaft Singapurs bezeichnen – die Hawker Center. Erst vor kurzem wurde die Hawker-Kultur von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe ernannt. Was sie besonders macht, ist nicht nur das exzellente und zugleich preisgünstige Essen selbst, sondern die Menschen dahinter. In dieser Ausgabe des Newsletters lernen Sie vier Hawker kennen, die in der Street Food-Kultur Singapurs neue Impulse setzen.




Carmal Ahmad – Vom Finanzmanager zum Ramen-Chef



Fotos: National Environment Agency

Carmal Ahmad verdiente seine Brötchen lange als Fondsmanager, doch im Inneren wusste er schon immer, dass er seiner eigenen Leidenschaft folgen wollte. Mit Anfang 30 kehrte er der Finanzbranche den Rücken zu und eröffnete im Tanjong Pagar Food Centre seinen eigenen Stand, „Mad Bros SG“. Seine Eltern waren zunächst wenig begeistert, dass ihr Sohn seine gut bezahlte Stelle aufgab, um für weitaus weniger Einkommen japanische Ramen zu verkaufen. Ohne jegliche Vorerfahrung reiste er nach Japan, um sich in die hohe Kunst der Ramen einweihen zu lassen. Dank der japanischen Schule entwickelt Carmal heute seine ganz eigenen Rezepte, die nicht nur die Geschmacksnerven kitzeln, sondern auch halal sind. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Der junge Hawker hat es geschafft, sein eigenes Geschäft aufzubauen. Im Januar 2021 wurde Carmal dafür sogar mit dem „Promising New Hawker Award“ ausgezeichnet.


Amber Pong – Bäckerin aus Leidenschaft



Fotos: National Environment Agency

Auch Amber ist eine junge „Hawkerpreneurin“, die aus ihrer Leidenschaft für Süßes ihren Beruf machte. Bei „The Headless Baker“ können Gäste verschiedenste Scones, Muffins und Kuchen kosten. Genau wie Carmal Ahmad wagte Amber den großen Schritt in die Selbstständigkeit. Neben ihrem Online-Shop betreibt sie jetzt einen florierenden Hawker-Stand auf dem Ghim Moh Market. Vor der Eröffnung ihrer Bäckerei arbeitete sie zunächst ein Jahr lang als Konditormeisterin in Melbourne, um sich auf die neue Herausforderung in Singapur vorzubereiten.
 
Warum aber nannte sie ihr Geschäft „The Headless Baker“? Amber möchte damit ausdrücken, dass wir oft „kopflos" sind und nicht genau wissen, wie die nächsten Schritte in unserem Leben aussehen. Selbst wenn wir denken, alles unter Kontrolle zu haben, funkt uns das Leben oft dazwischen. Amber ermutigt gerade junge Leute dazu, den Schritt ins Hawker-Leben zu wagen, denn das Hawker-Business kann ein gutes Sprungbrett für diejenigen sein, die ihre Geschäftsideen erst einmal austesten wollen. Die Singapurer seien im Allgemeinen immer für neuartige Essenskonzepte offen, solange sie gut schmecken, sagt Amber - eine echte Foodie-Nation eben.


Tan Kin Leng – Nachwuchsförderung nach Hawker-Art



Fotos: National Environment Agency

Tan Kin Leng war in seiner Jugend nicht glücklich über den Beruf seiner Eltern, die wie schon die Generationen vor ihnen Hawker waren. Während seine Freunde nach der Schule ihre Freizeit genossen, musste er am Stand seines Großvaters und Vaters aushelfen. Nie hätte Tan daran gedacht, selbst einmal Teil dieses Gewerbes zu werden und sogar anderen Menschen dabei zu helfen, ihren eigenen Hawker-Stand aufzubauen. Mit der Zeit erkannte er, dass Hawker zu sein eine ehrliche Art des Broterwerbs ist, und bildet nun sogar junge Hawker an seinem Stand „Min Nan Pork Ribs Prawn Noodle“ im Tiong Bahru Food Centre aus.


Lim Min Jie – Zuversichtlich in die Zukunft



Fotos: National Environment Agency

Einer von Tan Kin Lengs Schützlingen ist Lim Min Jie (links im Bild), für den das Ausbildungsprogramm für Hawker genau zur rechten Zeit kam. Durch die Pandemie verlor er seinen Job in einem Sportartikelladen und wusste zunächst nicht, wie er seinen Lebensunterhalt finanzieren sollte. Nun plant Lim, bald seinen eigenen Stand zu eröffnen, an dem er genau wie schon seine Mutter geschmorte Gerichte verkaufen wird. Im Zeichen der neuen Generation möchte Lim Min Jie dabei mehr Gebrauch von Social Media machen, um sich eine neue Zukunft aufzubauen.

Die vier Hawker sind Teil der Förderprogramme der National Environment Agency, die sich gemeinsam mit ihren Partnern dafür einsetzt, das Hawker-Erbe zu erhalten. Im Rahmen des Hawkers' Development Programme beispielsweise erhalten ambitionierte Jungunternehmer wie Lim Min Jie die Chance, das Hawker-Handwerk an verschiedenen Ständen zu erlernen. Auch das Incubation Stall Programme unterstützt junge „Hawkerpreneure“ bei ihrem Schritt in die Selbstständigkeit.